1. Kapitel

 

Ein neuer Fall

 

Am frühen Nachmittag parkte Enno seinen Polo auf dem kleinen Parkplatz, der direkt vor dem Hafengebäude in Neßmersiel lag. Außer seinem eigenen Wagen standen maximal noch fünfzehn weitere Fahrzeuge dort. »Das sind aber wenig Autos«, kommentierte Hedda beim Aussteigen. »Ich habe ja davon gehört, dass im Dezember auf Baltrum wenig los sein soll, aber wo parken denn die ganzen Touristen im Sommer?« Sie ließ ihren Blick über die überschaubare Asphaltfläche schweifen. Enno zeigte auf ein kleines Gebäude, das nur wenige Meter neben dem Haupthaus lag. »Da muss man seinen Autoschlüssel abgeben. Die parken dann unseren Wagen um, damit er vor Überschwemmungen geschützt ist.« »Da drüben?«, fragte die junge Ermittlerin nach. Das kleine Häuschen erinnerte sie viel mehr an einen Kiosk. Nachdem sie den Autoschlüssel abgegeben hatten, gingen sie mit ihren Koffern zum Anleger, um sie von einem Mitarbeiter der Reederei in einen bereitstehenden Anhänger laden zu lassen. Bis zur Abfahrt der Fähre hatten sie noch ein paar Minuten Zeit. Das kleine Fährschiff ›Baltrum III‹ lag zwar bereits im Hafen und war auch schon für den Zutritt freigegeben, aber solange die Gepäckstücke der Reisenden noch nicht an Bord gebracht worden waren, wollte das junge Paar die Zeit lieber nutzen, um sich nach der Autofahrt noch ein wenig die Beine zu vertreten. Zunächst begutachteten sie einen blau-weißen Fischkutter, der ebenfalls im Neßmersieler Hafen festgemacht hatte. Bei diesem Anblick mussten sie sofort an ihren letzten Fall in Greetsiel denken, der bereits wieder einige Monate zurücklag. Bis zuletzt hatten sie befürchtet, ihr Urlaub auf Baltrum könnte kurzfristig wegen eines neuen Falls noch ins Wasser fallen. Doch anscheinend kam die Polizei in der letzten Zeit mit den wenigen Mordfällen, die es in Ostfriesland ohnehin nur gab, ganz gut zurecht. Denn Jörg, der Leiter ihrer Geheimeinheit, hatte sich in dieser Zeit lediglich hören lassen, um seinen beiden Teammitgliedern zu ihren jeweiligen Geburtstagen zu gratulieren.

Am äußersten Ende des Hafengeländes, direkt am Wasser, gab es eine rote Sitzbank, die als Sechseck um eine Laterne herum angeordnet worden war. Hedda und Enno setzten sich, um mit dem Handy ein Selfie von sich mit der tosenden Nordsee im Hintergrund zu machen. Die Wetterprognose sagte für die kommenden Tage viel Regen und stürmischen Wind voraus. Nicht gerade die idealen Bedingungen für einen erholsamen Urlaub, aber Hedda und Enno hatten sich fest vorgenommen, dennoch das Beste daraus zu machen. Direkt neben der roten Sitzbank entdeckten sie auch hier, wie in vielen anderen ostfriesischen Orten auch, ein Gitter, an dem Liebespärchen Vorhängeschlösser mit ihren Namen anbringen konnten. »Der Trend scheint unaufhaltsam zu sein«, lachte Hedda bei dem vertrauten Anblick. »Vielleicht sollten wir nach unserer Hochzeit auch irgendwo ein solches Schloss aufhängen?« »Wenn du das möchtest«, reagierte Enno ungewollt gleichgültig. Er brauchte kein solches Symbol, um zu wissen, dass er seine Hedda für immer und ewig lieben würde. Der frische Nordseewind peitschte der jungen Ermittlerin immer wieder einige Strähnen ins Gesicht. Mittlerweile reichten ihre naturblonden Haare ihr schon wieder bis zur Schulter. Bis zu ihrer Hochzeit würden sie auf jeden Fall wieder so lang sein, dass sie damit alle Optionen für eine passende Brautfrisur haben würde. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht, klemmte sie hinters Ohr und küsste ihren Freund. »Ich freue mich auf den Urlaub mit dir.« »Ich mich auch.« Der ehemalige Polizist erwiderte ihren Kuss. Aufgrund von Wellengang und Strömung dauerte die Überfahrt eine ganze Stunde, während die Fähre die gleiche Distanz bei günstigen Bedingungen auch in der Hälfte der Zeit schaffte. Die Plätze auf der ›Baltrum III‹ waren nur etwa zur Hälfte belegt. Neben Hedda und Enno schien nur noch ein älteres Paar zu der Touristen-Gruppe zu zählen. Die übrigen Passagiere machten den Eindruck, als wären sie allesamt Insulaner, die auf der Rückkehr von der Arbeit oder einem privaten Ausflug aufs Festland waren. Einer von ihnen hatte bei der Gepäckaufgabe auch einige Kartons eines schwedischen Möbelhauses verladen lassen. Auf einer Insel zu wohnen, erfordert offensichtlich auch immer ein gewisses Improvisationstalent, dachte Hedda.

Mit wackeligen Beinen und einem flauen Gefühl im Magen verließen die jungen Ermittler die Fähre, nachdem sie sicher am Baltrumer Hafen festgemacht hatte. Auch wenn sie durchaus seefest waren, hofften sie dennoch, dass die Rückfahrt eine nicht ganz so schaukelige Angelegenheit werden würde. Das ›Dornröschen der Nordsee‹, wie Baltrum auf der offiziellen Internetseite angepriesen wurde, war die kleinste der Ostfriesischen Inseln. Sie hatte weniger als siebenhundert Einwohner. Hier brauchte man, anders als bei vielen Nachbarinseln, weder Inselbahn noch einen Bus, um vom Hafen zu seiner Unterkunft zu gelangen. Mit ihren Rollkoffern im Schlepptau marschierten Hedda und Enno auf den Ort zu. Als sie die ersten Straßen passiert hatten, fiel der jungen Ermittlerin etwas auf. »Die Hausnummern sind hier ja total durcheinander«, sagte sie und zeigte auf zwei direkt nebeneinanderstehende Gebäude, deren Hausnummern gut sichtbar an den Außenfassaden angebracht worden waren. »Du hast recht«, stimmte Enno ihr zu. Er blieb stehen, stellte den Koffer ab, zückte sein Handy und befragte seine Suchmaschine nach diesem Phänomen. Wenn ihn etwas wirklich interessierte, musste er die Antwort immer sofort wissen. Hedda hatte sich an diese Eigenart bereits gewöhnt. Bei all den positiven Charakterzügen, die ihr Verlobter hatte, konnte sie auf diese Marotte problemlos Rücksicht nehmen. Geduldig wartete sie, bis er das passende Suchergebnis auf seinem Smartphone angezeigt bekam. »Da steht es«, triumphierte der ehemalige Polizist, der zur Tarnung seiner Geheimdiensttätigkeit inzwischen als Streetworker in Wilhelmshaven arbeitete, und las den dazugehörigen Text laut vor. »Die Hausnummern auf Baltrum sind scheinbar vollkommen durcheinander, aber in Wirklichkeit wurden sie in der Reihenfolge vergeben, in der die Objekte erbaut worden sind.« »Das ist ja interessant«, sagte Hedda und nahm sich gleichzeitig fest vor, während ihres Aufenthaltes unbedingt das Gebäude mit der Hausnummer Eins zu suchen. »Briefträger möchte ich auf dieser Insel aber nicht sein«, lachte Enno, steckte das Handy zurück, ergriff seinen Koffer und marschierte weiter in Richtung ihrer Unterkunft. Ihr Hotel verfügte über nur wenige Zimmer. Die Betreiberin, die sich ihnen als Marion Evert vorstellte, war eine ältere Frau mit lockigen hellbraunen Haaren. Sie begrüßte die beiden freundlich, brachte sie auf ihr Zimmer und zeigte ihnen auch die Gemeinschaftsküche, die ihnen und allen anderen Hotelgästen zur Verfügung stand. Bereits bei der Buchung hatte sie das junge Paar darauf hingewiesen, dass aufgrund der geringen Besucherzahlen zu dieser Jahreszeit der hoteleigene Speiseraum, in dem ansonsten das Frühstück serviert wurde, nicht geöffnet hatte. Nachdem die beiden ihre Koffer ausgepackt hatten, machten sie einen kleinen Spaziergang durch den Ortskern. Die meisten Geschäfte und Restaurants hatten generell oder zumindest zu dieser Uhrzeit noch geschlossen. Die Highlights ihres Ausfluges waren daher ein Reklameschild mit der Aufschrift ›Torte macht glücklich‹, unter dem Hedda sofort für ein Foto posieren musste, und der obligatorische Wegweiser, der, wie in so vielen anderen ostfriesischen Touristenorten, die Entfernungen zum Wattenmeer, den Dolomiten, den Rocky Mountains, dem Grand Canyon und dem Great Barrier Reef anzeigte. »Wenigstens etwas, was es noch öfter zu geben scheint als die Gitter mit den Vorhängeschlössern«, kommentierte Enno ihren Fund trocken, während er gleichzeitig auf seine Uhr schaute. »Ich kriege langsam Hunger. Wollen wir uns schon mal umsehen, wo wir nachher etwas essen wollen?« »Gute Idee.« Hedda rieb sich demonstrativ den Bauch. Das flaue Gefühl der Überfahrt war inzwischen vor einem kleinen Monster geflüchtet, das sich in ihrem Bauch eingenistet hatte und immer lauter nach etwas zu essen verlangte. Systematisch durchkämmte das Paar die Straßen, schaute sich die Speisekarten in den Aushängen an und suchte nach Hinweisen, wann das jeweilige Restaurant öffnen würde oder ob es gerade Betriebsferien hatte. Dabei entdeckten sie auch einen kleinen Souvenirladen, der glücklicherweise geöffnet hatte. »Wir fragen da drinnen mal nach«, schlug Hedda vor. Sie hatte keine Lust mehr zu suchen, da sie noch nicht ein einziges Restaurant gefunden hatten, das definitiv am Abend noch öffnen würde. Der kleine Verkaufsraum war vollgestopft mit den üblichen Touristenmitbringseln, aber es gab auch eine Ecke mit originellen handgemachten Präsenten und wunderschönen Bleistiftzeichnungen. »Moin, Festlandaffe!«, begrüßte sie ein junger Mann mit schwarzen Haaren, die aussahen, als wäre er gerade erst aufgestanden. Er saß in einem kleinen Nebenraum vor einer Staffelei und bearbeitete ein großes Stück Papier mit einem Bleistift. Durch die offen stehende Tür hindurch hatte er nur kurz zu Enno aufgeschaut, sich anschließend aber sofort wieder seiner Arbeit gewidmet. 

 

2. Kapitel

 

Einsamkeit und schlechtes Wetter

 

»Wie bitte?« Ungläubig schaute Hedda den jungen Mann an. Es fiel ihr unglaublich schwer, sein Alter einzuschätzen. Er mochte gerade erst sechzehn, konnte aber durchaus auch schon Mitte zwanzig sein. Unabhängig davon war sie sich sicher, dass sie sich verhört haben musste. Doch wie zur Bestätigung legte der Zeichner noch einmal nach. »Flittchen«, beschimpfte er sie, senkte den Kopf und schlug sich mit der flachen Hand mehrfach gegen die Schläfe. »Entschuldigen Sie bitte!« Durch den Haupteingang des Ladens betrat eine deutlich ältere Dame den Raum. Ihre langen lockigen Haare ließen sie zwar jünger wirken, aber ihr faltiges Gesicht verriet ihr wahres Alter. Hedda schätzte sie auf Anfang sechzig. Sie ging zu dem jungen Mann hinüber, legte ihm behutsam eine Hand auf den Rücken, beugte sich über ihn und betrachtete das bisher Gemalte. »Sieht toll aus«, lobte sie ihn, ohne auch nur ein Wort über seine unverschämten Beschimpfungen zu verlieren. Dann betrat sie wieder den Verkaufsraum und wandte sich erneut ihren potentiellen Kunden zu. »Ich heiße Angelika Jakobs.« Sie reichte beiden entschuldigend die Hand. »Und das …« Sie nickte mit dem Kopf Richtung Nebenraum. »… ist mein Sohn Florian. Er ist Autist und leidet zudem unter dem Tourette-Syndrom.« »Das ist eine Krankheit, bei der die Betroffenen von ungewollten ›Ticks‹ heimgesucht werden. Dazu gehören unkontrollierte Bewegungen und das Ausrufen von Schimpfwörtern«, erklärte Enno seiner Freundin. »Ich weiß, was das Tourette-Syndrom ist«, entgegnete die leicht eingeschnappt. Nur weil ihr Verlobter fast drei Jahre älter war als sie, bedeutete das noch lange nicht, dass er über viel mehr Lebenserfahrung verfügte. »Hat Ihr Sohn die gezeichnet?«, fragte Enno und zeigte auf die Ecke des Verkaufsraumes, in der die Bleistiftzeichnungen ausgestellt waren. Angelika Jakobs nickte stolz. »Ja, die hat alle er gemalt.« Mit den verliebten Augen einer Mutter schaute sie zu ihrem Sohn hinüber, der im Nebenraum unbeirrt an seinem nächsten Meisterwerk arbeitete. »Er ist ein Savant.« Hedda erinnerte sich sofort an den Film ›Rain Man‹, in dem der Schauspieler Dustin Hoffman einen Autisten mit außergewöhnlicher Inselbegabung spielte. »Florian hat ein fotografisches Gedächtnis und die herausragende Fähigkeit, alles, was er einmal gesehen hat, so zu Papier zu bringen, als wäre es eine Fotografie«, erklärte die Ladenbesitzerin weiter. »Das ist sehr beeindruckend«, sagte Enno und dachte gleichzeitig darüber nach, ob ein gezeichnetes Bild von Florian ein geeignetes Geschenk sein könnte, um Hedda damit bei ihrer Hochzeit zu überraschen. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen oder wollen Sie sich nur umschauen?«, wechselte Angelika Jakobs das Thema. »Wir sind erst vor wenigen Stunden auf der Insel angekommen und wollten Sie eigentlich nur fragen, ob …« »Flittchen!« Hedda verstummte nur kurz, konnte dann aber über die nicht ernst gemeinte Beschimpfung doch schmunzeln. »Wir wollten nur wissen …«, setzte sie erneut an, »… ob Sie hier auf der Insel ein Restaurant kennen, das heute Abend noch öffnen wird.« Mit zusammengepressten Lippen schaute Angelika Jakobs die beiden entschuldigend an. »Viele Insulaner nutzen die ersten Dezemberwochen, um entweder selbst zu verreisen oder notwendige Renovierungsarbeiten vorzunehmen. Zwischen Weihnachten und Neujahr ist hier nämlich schon wieder der Bär los. Bisher waren in dieser Zeit trotzdem immer ein bis zwei Lokale geöffnet. Aber dieses Jahr ist es tatsächlich zum allerersten Mal so, dass kein einziges Restaurant auf Baltrum geöffnet hat.« »Na toll«, stöhnte Enno genervt auf. »Und was machen wir jetzt?« »Der Supermarkt nebenan hat geöffnet. Wenn ihr euch beeilt, könnt ihr dort noch etwas zu essen bekommen.« Sie schaute auf eine Wanduhr im Inseldesign, die im Laden hing, gleichzeitig aber auch zum Verkauf stand. Beim Blick auf die Uhr erschrak Hedda. Sie bedankte sich für den Tipp und packte Enno am Arm. »Komm!«, sagte sie. »Der Supermarkt schließt in fünfzehn Minuten.« In Windeseile huschten die beiden durch den kleinen Supermarkt. Neben ein paar Getränken ergatterten sie auch ein Paket Nudeln, eine Dose Tomatensauce, eine Tüte Chips und eine FruchtgummiMischung. Eine halbe Stunde später saßen sie in der Gemeinschaftsküche ihres Hotels und suchten nach zwei passenden Töpfen, um sich ihr Abendessen zubereiten zu können. »Hoffentlich kommen gleich nicht noch andere Hotelgäste«, sagte Enno. Er hatte keine Lust, während des Essens auf andere Touristen Rücksicht nehmen zu müssen. Er wollte viel lieber die Zweisamkeit mit seiner Verlobten genießen, anstatt ein verkrampftes Gespräch mit irgendwelchen Unbekannten zu führen. Aber seine Sorge war unbegründet. Sie hatten sich für das Abendessen viel Zeit gelassen und hinterher noch die Töpfe gemeinsam abgewaschen. Dennoch war kein anderer Tourist aufgetaucht. »Ich glaube, wir sind gerade die einzigen Gäste in diesem Hotel«, mutmaßte Hedda. »Das wäre doch super«, grinste Enno vielsagend. »Dann könnten wir nicht nur die Hochzeit planen, sondern auch ganz hemmungslos für die Hochzeitsnacht proben.« Er zwinkerte seiner Freundin zu und streckte ihr gleichzeitig die Zunge heraus. Da es draußen wieder zu regnen begonnen hatte, gingen sie von der Gemeinschaftsküche zurück auf ihr Zimmer, tauschten ihre Alltagsklamotten gegen legerere Sachen aus und bereiteten alles für einen gemütlichen Abend vor. Während Hedda für beide einen Naschteller mit Chips und Fruchtgummi zusammenstellte, holte Enno die im Supermarkt erworbenen Softdrinks aus der Minibar und schenkte jedem ein Glas ein. »Wollen wir jetzt über unsere Hochzeit sprechen?«, fragte er seine Verlobte, die gerade eine Handynachricht studierte, die erst vor wenigen Sekunden bei ihr eingegangen war. In Gedanken versunken schaute Hedda von ihrem Smartphone auf. »Was hast du gesagt?« »Ich habe gefragt, ob wir uns jetzt über unsere Hochzeit unterhalten wollen«, wiederholte Enno. Die junge Ermittlerin machte ein nachdenkliches Geräusch. »Eigentlich würde ich das lieber bei einem romantischen Strandspaziergang machen«, entgegnete sie. »Dann wollen wir mal hoffen, dass der Wettergott in den nächsten Tagen auch mal ein wenig gnädig gestimmt ist.« Unbewusst schaute der ehemalige Polizist zu den geschlossenen Gardinen hinüber, als könne er den Sturm und den peitschenden Regen, die direkt hinter der Fensterscheibe in der Dunkelheit tobten, durch den dicken Stoff hindurch erkennen. »Das klappt bestimmt«, sagte Hedda und drückte ihnen symbolträchtig selbst die Daumen. Sie setzte darauf, dass die Prognose ihrer Wetter-App wie so oft nicht ganz zutreffen würde. »Ich würde mich jetzt gerne noch um die Interviews kümmern. Wenn ich das gleich am ersten Tag erledige, habe ich den Rest unseres Urlaubes den Kopf frei.« »Ha«, lachte Enno laut auf. »Als ob du es schaffen würdest, auch nur einen einzigen Tag lang nicht an deine Bücher zu denken.« Seit ihr zweiter Roman vor etwa einem halben Monat erschienen war, hatte seine Freundin nahezu täglich ein Interview für irgendeinen Bücherblog geben müssen. Auch die Fragen von neugierigen Lesern, die sie via einer extra hierfür eingerichteten Mailadresse erreichten, hatten wieder deutlich zugenommen und überstiegen bei Weitem das Volumen, das sie nach ihrer ersten Publikation erreicht hatte. »Ich weiß, dass du in letzter Zeit etwas zu kurz kommst, aber ich verspreche dir, ich mache es im Urlaub wieder gut.« Sie beugte sich zu ihm, hauchte ihm ein paar verführerische Worte ins Ohr und knabberte zum Abschluss behutsam an seinem Ohrläppchen. »Ich bin einverstanden!«, rief Enno voller Begeisterung. »Ich werde mir jetzt mein Buch schnappen, mich in die Ecke verziehen …« Er zeigte auf einen bequem aussehenden Sessel, der seitlich neben dem Zimmerfenster stand. Daneben stand ein Deckenfluter mit einer flexibel verstellbaren Leselampe. »… und werde ganz still sein, damit meine Starautorin schnell die Anfragen ihrer interessierten Leserschaft beantworten kann.« Mit einem vorfreudigen Lächeln auf den Lippen ließ er sich in das Sitzmöbel sinken. Vom Status einer Bestsellerautorin war Hedda zwar noch meilenweit entfernt, aber im Vergleich zu ihrer ersten Veröffentlichung waren die Verkaufszahlen ihres aktuellen Kriminalromans noch einmal deutlich gestiegen. Wenn sie allein von den Umsätzen aus den Buchverkäufen hätte leben müssen, wären die aktuellen Absatzzahlen zwar nicht einmal annähernd ausreichend 14 gewesen, aber zum Glück sorgte ja die Geheimeinheit dafür, dass sich ihre monatlichen Erträge, beispielsweise durch fiktive Honorare für Lesungen, auf ein gleichbleibendes Niveau einpendelten, von dem sie ihren Lebensunterhalt sehr gut bestreiten konnte. Sie setzte sich aufs Bett, klappte ihr Notebook auf und loggte sich in ihren E-Mail-Account ein, um die Interviewfragen, die sie auf diesem Wege erhalten hatte, in ihr Schreibprogramm zu kopieren. Dabei fiel ihr eine neue Nachricht ins Auge, die sie sofort genervt aufstöhnen ließ.