***Samstag – Gegenwart***
»Tim, ist alles okay bei dir?«, rief Ben verwundert. Er hatte die maskierte Person, die sich fluchtartig in die entgegengesetzte Richtung entfernte, zwar bemerkt, hielt sie aber fälschlicherweise für seinen Mitschüler. Erst als er genauer zu dem Baum schaute, vor dem sein Kumpel vorhin noch gestanden hatte, um seine Blase zu entleeren, realisierte er, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Denn auf dem Waldboden lag ein leblos aussehender Körper, der, genau wie sein Freund, ebenfalls die Verkleidung eines Wangerooger Gentlemans trug.
»Kommt schnell her! Hier stimmt etwas nicht!«, rief er aufgeregt nach Philipp und Nico. Die Freundesgruppe hatte sich in das Tuunpad-Wäldchen zurückgezogen, um vor Beginn der Wangerooger Gentleman-Partys in Ruhe und kostengünstig vorzuglühen.
Er wartete nicht auf das Eintreffen seiner Kumpels, sondern nahm stattdessen die Verfolgung des Flüchtigen auf, von dem er nicht genau sagen konnte, ob es nun doch sein Freund Tim oder ein Unbekannter war.
Die maskierte Gestalt rannte aus dem Wäldchen heraus und folgte der Straße Am Wattenmeer, bis sie die Seenotretter-Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger passierte. Ben war als leidenschaftlicher Fußballer zwar sportlich, aber der Alkoholpegel in seinem Blut erschwerte ihm die Verfolgung. Dass er trotz dessen dennoch so gut zu Fuß war, schrieb er dem Adrenalin zu, welches seit wenigen Minuten ebenfalls in rauen Mengen durch seine Venen gepumpt wurde.
Die flüchtige Person spurtete zunächst über den Hof der Müllumladestation und hielt anschließend direkt auf den Inselfriedhof von Wangerooge zu. Doch jeder Meter auf dem unebenen Gelände kostete Ben viel Kraft, sodass er immer mehr den Anschluss verlor.
Während seine Zielperson schließlich zwischen Bäumen und Büschen hindurch auf den Gottesacker verschwand, trennten ihn noch gute einhundert Meter von dem Kirchengelände. Als auch er sich keuchend durch das Geäst geschlagen hatte, ließ er hektisch den Blick über das Meer aus Grabsteinen schweifen. Doch die maskierte Gestalt war nirgends mehr zu entdecken.
Ziellos rannte er die schmalen Gänge zwischen den Grabstätten entlang. Er hoffte, dass die gesuchte Person sich nur hinter einer der hüfthohen Gedenktafeln vor ihm versteckt hatte. Doch nach weiteren Sekunden der erfolglosen Suche kam er mehr und mehr zu der Einsicht, dass ihn der Flüchtige abgehängt haben musste.
Vor einem der Gräber entdeckte er einen alten Mann, der auf einem Klapphocker saß, auf den vor ihm liegenden Grabstein schaute und mit irgendjemandem zu sprechen schien. Ben rannte auf ihn zu. Vielleicht hatte der Rentner die maskierte Person bemerkt und konnte ihm sagen, wohin sie geflohen war.
»Haben Sie einen maskierten Mann gesehen, der gerade hier entlanggerannt ist?«, sprach Ben ihn keuchend an, kaum dass er in Hörweite war.
Der alte Mann neigte ihm den Kopf zu. »Verdammi noch maal!«, fluchte er auf Plattdeutsch. »Hat hier denn niemand mehr Respekt vor der Totenruhe?«
Ben entschuldigte sich. »Es ist wirklich wichtig«, betonte er die Dringlichkeit seiner Frage.
»Wichtig ist, dass ich als Wangerooger Gentleman meiner Frau ihre Rose geben kann«, reagierte der Alte genervt.
Erst jetzt bemerkte Ben, dass sein Gesprächspartner in der einen Hand einen Gehstock und in der anderen eine rote Rose hielt. Auch den Dackel, der brav zu seinen Füßen lag und sich kaum rührte, hatte Ben in der ganzen Aufregung noch nicht wahrgenommen. »Ich flehe Sie an!« Er legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Es geht hier vielleicht um Leben und Tod.« Zur Untermauerung seiner Worte machte er ein ernstes Gesicht.
Der alte Mann seufzte. »Was wisst ihr jungen Leute schon vom Tod?« Er schüttelte kaum sichtbar den Kopf, entschloss sich dann aber doch, auf die ursprüngliche Frage seines Gegenübers zu antworten. »Ein maskierter Mann ist, wie von der Tarantel gestochen, über den Friedhof gesprintet. Dabei ist er teilweise sogar über die Grabsteine gesprungen.«
»In welche Richtung ist er gerannt?«
Der Rentner streckte den Arm aus und deutete Richtung Kirche. »Er ist hinter dem Gotteshaus verschwunden. Das ist aber schon eine ganze Weile her. Den holst du nicht mehr ein.«
Von sich selbst enttäuscht, musste Ben einsehen, dass der Alte recht hatte. »Trotzdem danke«, sagte er zum Abschied und ging wieder zu dem Bereich des Grundstücks zurück, in dem er den Gottesacker betreten hatte. Im Laufschritt nahm er sein Smartphone zur Hand und rief Philipp an. Er musste einige Freizeichen abwarten, bis sein Freund das Telefonat endlich entgegennahm.
»Wo bist du?«, hielt dieser sich nicht lange mit Floskeln auf.
»Wie geht es Tim?«, wollte hingegen Ben wissen. Er hoffte, dass die am Boden liegende Person eventuell doch jemand ganz anderes war oder Tim zumindest keine schweren Verletzungen davongetragen hatte. Vielleicht hatte ihn der Flüchtige ja nur niedergeschlagen, um sein Portemonnaie zu stehlen.
»Er ist tot!«, schluchzte Philipp. »Die Polizei ist schon hier und stellt uns jede Menge Fragen. Die wollten auch wissen, warum du einfach so verschwunden bist. Hast du …« Er konnte die schreckliche Annahme, sein Freund könnte für das Ableben von Tim verantwortlich sein, einfach nicht aussprechen.
»Spinnst du!«, reagierte Ben empört. Er hatte auch so verstanden, was sein Freund andeuten wollte. »Ich habe den Kerl verfolgt, der ihn wahrscheinlich auf dem Gewissen hat.« Er schnappte nach Luft. Die zurückliegende Verfolgungsjagd sowie der hohe Alkoholkonsum der vergangenen Stunden forderten jetzt doch ihren Tribut. »Aber er ist mir entwischt.«
»Die Polizei sagt, du sollst zurück in den Wald kommen.«
»Ich bin ja schon auf dem Weg«, keuchte Ben, legte auf und beschleunigte seinen Schritt.
Als er wenige Minuten später wieder im Tuunpad-Wäldchen ankam, wurde ihm das Ausmaß der Geschehnisse erst so richtig bewusst. Überall wuselten Leute herum. Und nicht bei allen war sofort zu erkennen, in welcher Funktion sie vor Ort waren. Auf so einer kleinen Insel läuft sicherlich vieles über Ehrenämter. Die haben sich bestimmt alle schon auf die Gentlemen-Partys gefreut, als sie der Notruf erreichte, den meine Freunde wahrscheinlich abgesetzt haben, versuchte er sich gedanklich in die Lage der Ersthelfer zu versetzen. Ein so schreckliches Verbrechen passierte hier sicherlich viel seltener als in seiner Heimatstadt Dortmund. Umso erstaunter war er darüber, dass bereits nach so kurzer Zeit so viele vermeintlich zuständige Personen vor Ort waren.
In der Nähe der Stelle, an der er die leblose Person am Boden hatte liegen sehen, entdeckte er Philipp und Nico. Neben ihnen stand ein Mann mittleren Alters, der eine Polizeiuniform trug. Er war etwa 1,80 Meter groß, schlank und trug einen ordentlich rasierten braunen Bart. Neben ihm stand eine junge, attraktive Frau in Zivilkleidung. Sie hatte lange blonde Haare und strahlend grüne Augen, die ihn sofort fixierten, als er der Gruppe näherkam.
Ob das die Frau des Polizisten ist?, fragte Ben sich. Obwohl es der Situation überhaupt nicht angemessen war, dachte er kurz darüber nach, ob er andernfalls bei der attraktiven Dame eine Chance haben könnte.
»Bist du Ben?«, sprach das Objekt seiner Begierde ihn direkt an.
»Ja, wieso?«
»Ich bin Oberkommissarin Theda Saathoff.« Sie streckte ihm die Hand entgegen. Als sie seinen verwunderten Blick bemerkte, erklärte sie ihm noch, dass sie eigentlich keinen Dienst habe, aufgrund des schlimmen Vorfalls aber selbstverständlich sofort von ihrem Partner zum Tatort gerufen worden sei.
Wie auf Kommando trat der uniformierte Beamte hinzu. »Hauptkommissar Onno Renken«, stellte auch er sich vor. »Ihre Freunde haben uns erzählt, Sie haben den mutmaßlichen Täter verfolgt?« Er zückte einen kleinen Block und einen Stift, um sich bei Bedarf Notizen machen zu können.
Ben nickte.
»Können Sie uns bitte genau beschreiben, was passiert ist«, bat Theda ihn.
»Wir haben hier im Wald nur ein wenig abgehangen und Bier getrunken«, begann Ben seinen Bericht. Er konnte immer noch nicht fassen, wie ein derart harmloser Ausflug in einer solchen Tragödie enden konnte. »Tim musste irgendwann piss…« Erschrocken blickte er die Polizistin an. »Ich meine, er musste seine Blase erleichtern. Er ist dann zu diesem Baum gegangen.« Ben zeigte auf die Rotbuche, vor der er den leblosen Körper gesehen hatte, der nun, umringt von Rettungskräften und Feuerwehrleuten, nicht mehr zu erkennen war.
»Wo waren Sie und Ihre Freunde in diesem Moment?«, wollte Onno von ihm wissen.
Verwundert schaute Ben ihn an. »Das haben Ihnen die beiden doch sicher schon erzählt.« Er suchte den Blickkontakt mit Philipp und Nico.
Doch noch im selben Augenblick platzierte die attraktive Oberkommissarin sich so, dass er seine Freunde nicht mehr direkt ansehen konnte. »Wir wollen es aber auch gerne von Ihnen hören«, sagte sie ruhig, jedoch auch bestimmt.
Ben erinnerte sich daran, wie Philipp am Telefon angedeutet hatte, dass die Beamten nicht ausschlossen, dass auch er für den Tod von Tim verantwortlich sein könnte. Aus weit aufgerissenen Augen schaute er die Beamtin an. »Denken Sie etwa, ich …«
»Wir denken noch überhaupt nichts«, versuchte Onno ihn zu beruhigen. Er hatte eine sehr tiefe, monotone Stimme. »Wir versuchen nur herauszufinden, was eurem Freund geschehen ist.«
Ben schloss die Augen und holte tief Luft. »Wir haben da vorne gesessen«, sagte er schließlich und deutete auf einen am Boden liegenden Baumstamm.
Hauptkommissar Renken nickte, als würde er ihm damit signalisieren wollen, dass seine Antwort mit den Aussagen seiner Freunde übereinstimmte. »Und was ist dann passiert?«
»Ich musste auch dringend pinkeln«, antwortete Ben. »Darum bin ich Tim hinterhergelaufen.«
»Sie wollten also gleichzeitig an denselben Baum urinieren?«, fragte Theda.
Mit gerunzelter Stirn schaute Ben sie an. »Nicht nur Frauen gehen gemeinsam aufs Klo, wenn es nötig ist«, gab er eine patzige Antwort. Er hatte immer noch das Gefühl, als Verdächtiger und nicht als Zeuge befragt zu werden.
»Sie sind also in Tims Richtung gelaufen?«, gab Onno die Aussage noch einmal in eigenen Worten wieder.
Ben nickte. »Doch dann hat er plötzlich etwas geschrien.«
»Geschrien?«, fasste die attraktive Polizistin in Zivil nach. »Was hat er geschrien?«
Ben überlegte. »Ich bin mir nicht mehr hundertprozentig sicher. Ich glaube aber, er hat ›Lass mich sofort los!‹ gerufen.« Bestätigung suchend, schaute er den uniformierten Beamten an, doch dieses Mal bekam er keine zustimmende Geste.
»Wie weit waren Sie noch von Ihrem Freund entfernt, als Sie ihn rufen gehört haben?«, wollte der Hauptkommissar wissen.
Unsicher schaute Ben sich im Wäldchen um. Dann ging er einige Meter rückwärts, den Blick stets auf den Tatort gerichtet. »Ich glaube, ich war ungefähr hier«, sagte er und blieb stehen.
Onno folgte ihm, während seine Partnerin mit den beiden übrigen Schülern in Tatortnähe stehen blieb. Aus seiner Tasche zog er etwas heraus, was aussah wie eine Art Plastikfähnchen. »Sind Sie sich sicher?«
»Ziemlich sicher.«
»Sie waren also ungefähr hier …« Onno Renken bückte sich und steckte die Markierung in den Boden. »… als Sie Ihren Freund rufen hörten. Was ist dann passiert?«
»Ich habe ihn gefragt, ob alles in Ordnung ist.«
»Von hier aus?«
»Ich habe ebenfalls laut gerufen.«
»Hat er Ihnen geantwortet?«
Ben schüttelte den Kopf. »Ich habe jemanden weglaufen sehen, den ich zunächst für Tim gehalten habe.«
»Wieso dachten Sie, es wäre Ihr Freund?«
»Er trug eine Seehund-Maske und einen dieser grünen Wangerooge-Kapuzenpullis.«
»Er trug also die gleichen Sachen wie Sie?« Onno zeigte auf die Maske, die an ihrem Gummiband locker um den Hals des Befragten baumelte und somit einen Teil seines Pullovers verdeckte. Es war eines der Outfits, wie es anlässlich der Wangerooger Gentlemen-Tage aktuell ungefähr jeder Zweite trug.
Wieder nickte Ben. »Aber ich konnte doch nicht ahnen, dass außer uns noch jemand hier im Wäldchen ist«, begann er sich zu rechtfertigen.
»Wir stellen nur so viele Fragen, um den Tatverlauf möglichst genau rekonstruieren zu können«, erinnerte ihn der Hauptkommissar daran, dass er noch niemanden konkret verdächtigte.
»Ich habe mich ja auch gewundert. Aber als ich näherkam, sah ich da …«, er zeigte wieder in Richtung der Rotbuche, »… jemanden leblos auf dem Boden liegen, der die gleiche Verkleidung anhatte.«
»Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?«
»Ich wusste gleich, dass hier irgendetwas nicht stimmt.«
»War Ihnen in diesem Augenblick sofort klar, dass es Ihr Freund war, der dort leblos am Boden lag?«, wollte es Onno genau wissen.
Ben schüttelte den Kopf. »Ich habe es nicht gewusst, aber befürchtet.«
»Und darum haben Sie sofort die Verfolgung aufgenommen?«
»Ich habe zunächst nach meinen Freunden gerufen, damit sie nach der leblosen Person schauen können. Dann bin ich losgerannt.«
»Der flüchtigen Gestalt hinterher?«, fragte der uniformierte Beamte ihn.
Verständnislos runzelte Ben die Stirn. »Wem denn sonst?«, fragte er sichtlich genervt. Er verstand nicht, warum er immer wieder Fragen beantworten musste, deren Antworten doch auf der Hand lagen.
»Als Sie Ihre Freunde vorhin angerufen haben, wo waren Sie da?«
»Beim Friedhof«, antwortete Ben. Um einer erneuten sinnlosen Nachfrage zu entgehen, ergänzte er noch, dass er den Flüchtigen kurz zuvor aus dem Blick verloren hatte.
»Können Sie uns Ihren Weg dorthin genauer beschreiben?«
So gut er konnte, fasste Ben seine Verfolgungsjagd zusammen, die ihn an der Seenotretter-Station der DLRG vorbei und über den Hof der Müllumladestation bis zum Friedhof geführt hatte.
»Hat Sie währenddessen jemand gesehen?«
Ben überlegte kurz. Die wenigen Menschen, die er während seiner Hatz überhaupt nur wahrgenommen hatte, waren alle eher in seinem peripheren Sichtfeld aufgetaucht. Dann fiel ihm der alte Mann vom Friedhof wieder ein. »Da war ein Mann mit Gehstock und Hund auf dem Friedhof. Den habe ich gefragt, ob er jemanden hat vorbeirennen sehen.«
»Und? Hat er?«
»Er meinte, er hätte jemanden gesehen, der über die Grabsteine gesprungen und letztendlich hinter dem Kirchengebäude verschwunden ist.«
Hauptkommissar Renken machte sich eine Notiz. Er hatte bereits eine Ahnung, wen der Schüler auf dem Gottesacker getroffen haben könnte, wollte aber lieber auf Nummer sicher gehen. »Was war das für ein Hund?«
»Wie bitte?« Trotz seines hohen Alkoholpegels hatte Ben der Befragung bisher gut folgen können, doch jetzt hatte er kurz den Faden verloren.
»Der Hund von dem alten Mann«, half Onno ihm auf die Sprünge. »Was war das für eine Rasse?«
»Ich glaube, es war ein Dackel«, antwortete Ben zögerlich. Er verstand nicht, was der Hund mit dem mutmaßlichen Mörder seines Freundes zu tun hatte.
Dann war das Tjark, war Onno sich jetzt sicher und ergänzte den Namen des Witwers in seinem Notizblock. »Können Sie uns den mutmaßlichen Mörder Ihres Mitschülers beschreiben?«
»Er trug eine Seehund-Maske und einen dieser grünen Wangerooge-Kapuzenpullis. Das habe ich doch schon gesagt.«
»Das meine ich nicht.« Onno blickte auf die Stelle seines Notizblocks, an der er sich diese Daten bereits vermerkt hatte. »Können Sie uns etwas zur Körpergröße, der Statur oder irgendwelchen anderen äußeren Auffälligkeiten sagen?«
Ben musste nachdenken. Er war dem Flüchtigen zwar lange gefolgt, hatte dabei aber nicht versucht, sich Äußerlichkeiten einzuprägen. »Er muss ungefähr so groß gewesen sein wie Tim. Ansonsten hätte ich ja sofort ausschließen können, dass ich nicht eventuell doch ihm folge«, interpretierte er sein eigenes Verhalten. »Auch Tempo, Ausdauer und … und …« Da er Schwierigkeiten hatte, das richtige Wort zu finden, schloss er kurz die Augen, umschrieb es letztendlich aber einfach. »Der hat Haken geschlagen wie ein Hase. Alles in allem gehe ich daher davon aus, dass der gesuchte Täter sehr sportlich ist.« Wieder musste er kurz pausieren, um sich im Kopf die folgenden Worte zurechtzulegen. »Auf jeden Fall hatte er auch ziemlich breite Schultern. Vor einer potenziellen Schlägerei hatte ich alleine deshalb schon ein wenig Schiss.«
Der Hauptkommissar schrieb alles mit, dann blickte er wieder von seinem Notizblock auf. »Haben Sie einen Verdacht, wer Ihren Freund getötet haben könnte?«
Sofort schossen Ben einige Namen von Personen durch den Kopf, die Tim nicht besonders mochten oder ihn sogar als Arschloch titulieren würden. Doch war das in ihrem Alter nicht vollkommen normal? Deshalb würde doch noch lange niemand zum Mörder werden. Oder doch? »Tim war so ein Typ …«, versuchte er seine Überlegungen in Worte zu fassen, die seinen verstorbenen Kumpel nicht in ein falsches Licht rückten, »… den man entweder mochte oder nicht.«
Onno sah ihn nachdenklich an. »Ihre Freunde haben uns erzählt, dass sie mit ihrem ganzen Abiturjahrgang auf der Insel sind, um ihren Abschluss zu feiern. Können Sie mir ein paar Mitschüler nennen, die Ihren ermordeten Freund am allerwenigsten gemocht haben?«
Ben schüttelte sofort energisch mit dem Kopf. Er konnte sich niemanden außerhalb seiner Clique vorstellen, der den Mumm hatte, so etwas durchzuziehen. Doch eben dieser Gedanke ließ ihn skeptisch innehalten.
»An wen denken Sie?«, fragte Onno sofort, nachdem er den verräterischen Gesichtsausdruck seines Zeugen bemerkt hatte. Er hatte diese Mimik bei früheren Befragungen schon Dutzende Male gesehen und war sich daher sicher, dass dem Befragten gerade etwas Entscheidendes durch den Kopf ging.
»Ach, nichts!«, winkte Ben ab.
»Ihr Freund wurde bestialisch ermordet«, erinnerte der Hauptkommissar ihn. »Egal wie unbedeutend Ihr Gedanke letztendlich sein mag, verschweigen Sie ihn uns bitte nur dann, wenn Sie sich zu einhundert Prozent sicher sind, dass er uns bei unseren Ermittlungen nicht behilflich sein kann.«
Unsicher blickte Ben zu seinen beiden Freunden hinüber, die aber so intensiv mit der attraktiven Oberkommissarin sprachen, dass sie seinen hilfesuchenden Kontaktversuch überhaupt nicht bemerkten. »Es gibt da einen Freund aus unserer Clique, der sich in letzter Zeit irgendwie seltsam verhalten hat«, murmelte er nachdenklich. Er schaute den Polizeibeamten kurz an, nur um gleich darauf seine Aussage mit einer wegwerfenden Handbewegung zu relativieren. »Aber Julian war das definitiv nicht.«
»Julian?«, wiederholte Onno den Namen und schrieb ihn auf die Liste der potenziellen Verdächtigen, auf der bisher nur sein Gegenüber und dessen beiden Freunde standen. Er überflog die weiteren Namen, die er in seinem Notizblock notiert hatte. Dieser war bisher noch nicht genannt worden. »Obwohl er zu Ihrer Clique gehört, war Julian bei Ihrer kleinen Bier-Party in unserem Wäldchen nicht dabei?«
»Er war ursprünglich mit uns unterwegs gewesen, ist dann aber früher zur Jugendherberge zurückgegangen, weil es ihm nicht gut ging.«
Interessant, dachte Onno und machte sich eine weitere Notiz. »Wann war das ungefähr?«
Ben zuckte mit den Achseln. »Vor zwei oder drei Stunden«, schätzte er, war sich aber absolut nicht sicher. Es wäre ihm leichter gefallen, hätte er stattdessen angeben müssen, wie viele Flaschen Bier er seitdem getrunken hatte.
Onno spürte sofort, dass er hinsichtlich der Zeitangabe keine konkretere Antwort erwarten konnte, und konzentrierte sich stattdessen lieber darauf, nach den Gründen zu fragen, weshalb sich Julian in Bens Augen merkwürdig verhalten hatte. »Sie meinten, Ihr Freund wäre in letzter Zeit seltsam gewesen. Können Sie mir das genauer erklären?«
Die Stirn des Abiturienten legte sich in Falten. »Er hatte immer öfter Ausreden, wenn wir uns verabreden wollten, und wenn er dann doch mal kam, ist er oft früher gegangen.«
»Hatten Sie das Gefühl, die Gründe für seine frühzeitigen Aufbrüche waren immer nur ein Vorwand?«
Ben nickte. »Heute zum Beispiel ist er gegangen, weil er angeblich zu viel getrunken hat. Dabei verträgt er von uns allen eigentlich am allermeisten.«
Das klingt tatsächlich seltsam, dachte Onno. Er erinnerte sich an die Zeit, als er noch sehr jung war und mit seinen Kumpels regelmäßig viel Alkohol getrunken hatte. Damals waren es eigentlich immer die Gleichen, die ihre Grenzen nicht kannten und sie daher auch regelmäßig überschritten. »Aber wenn er zuletzt etwas mit Ihnen und Ihren Freunden unternommen hat, war er während dieser Zeit dann so wie immer?«
Nachdenklich richtete Ben den Blick zu den Baumkronen. In Gedanken ging er die letzten gemeinsamen Aktivitäten der Gruppe durch. »Es kommt darauf an, mit wem er unterwegs war, würde ich sagen.« Dem fragenden Blick des Hauptkommissars konnte Ben entnehmen, dass er seine Antwort würde konkretisieren müssen. »Also Nico, Philipp und mir gegenüber war er eigentlich wie immer, würde ich sagen.«
Onno schaute auf seinen Notizblock. »Also hat er sich nur Tim gegenüber anders verhalten?«, schlussfolgerte er schließlich. »Oder gehören noch mehr Leute zu Ihrer Clique?«
Mit zusammengepressten Lippen schüttelte Ben den Kopf. Er hatte das Gefühl, soeben einen Freund verraten zu haben.
»Fällt Ihnen ein Grund ein, warum Julian sein Verhalten gegenüber Tim in letzter Zeit geändert haben könnte?«
Wieder dachte Ben nach, ehe er antwortete. »Eigentlich nicht.«
»Eigentlich?«
Ben seufzte. »Tim war oft gemein zu Julians Zwillingsschwester. Aber das ist er schon seit Jahren und die kann wirklich keiner leiden. Nicht einmal ihr eigener Bruder mag sie wirklich.«