Als dann noch seine Angebetete vom Strand nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen war, war auch sein letzter Lebenswille verflogen. Tragisch wurde das Ganze dadurch, dass er als Treffpunkt selbst den Leuchtturm der Insel vorgeschlagen hatte, ohne seiner Traumfrau dabei zu erklären, dass es auf Borkum einen alten, aber auch einen neuen Leuchtturm gab.


Die Plattform an der Spitze des Leuchtturms war aus Sicherheits-gründen vergittert. Dennoch hatte man von hier aus einen traumhaften Ausblick über die gesamte Insel. Erst von hier oben bekam Hedda ein Gefühl dafür, wie groß Borkum in Wirklichkeit war. Nachdem sie mit ihrem Smartphone ein paar private Erinnerungsfotos geschossen hatte, konzentrierte sie sich auf den Text, den sie in wenigen Minuten auswendig können musste.


Während nun der junge Ermittler seiner Freundin der immer dunkler werdenden Promenade Richtung Südstrand entlang folgte, bemerkte er die dunkle Gestalt nicht, die sich hinter der Betonwand am DLRG-Vereinsheim ›Middelhüsche‹ verborgen hielt.
Doch als er das kleine Backsteingebäude gerade passiert hatte, packte ihn plötzlich eine Hand von hinten an der Schulter.

 


Ein Badekarren? Hedda ließ ihre Taschenlampe über den rot gestrichenen, zweirädrigen Wagen gleiten, der früher benötigt wurde, damit auch Frauen im Meer baden konnten. Die hölzernen Umkleidekabinen wurden dafür per Pferdegespann ins Wasser gezogen. Da es sich in der damaligen Zeit als Dame nicht geziemte, in Sichtweite der Männer zu baden, stiegen die Frauen dann über eine kleine Treppe, die an der Rückseite des Wagens befestigt worden war, direkt ins Wasser hinab.

 


»65,5 Meter!« Hedda legte den Kopf in den Nacken und schaute zur Spitze des Leuchtturms hinauf. »Das ist echt verdammt hoch!«
»Du hast doch keine Höhenangst, oder?«, fragte Enno besorgt. Er wusste bereits, dass die nächste Filmszene oben auf dem Leuchtturm gedreht werden sollte.
»Die Höhe macht mir keine Sorgen!« Hedda lachte. »Ich habe viel mehr Respekt vor den 308 Stufen, die ich da hochsteigen soll. Ob das Ding einen Fahrstuhl hat?«

 


Der neue Leuchtturm der Insel stand inmitten einer riesigen, kreisrunden Wiese. Überall auf der Grünfläche hoppelten kleine Kaninchen herum, um ihren Hunger an den unzähligen Gänseblümchen und Kleeblättern zu stillen. Nur wenn wieder einmal eines der Touristenkinder versuchte, sie zu fangen, verschwanden die possierlichen Tierchen blitzschnell in ihren Bauten, deren Eingangslöcher immer in unmittelbarer Nähe lagen.

 


Direkt an der Borkumer Strandpromenade stand der berühmte Musikpavillon der Insel. Das runde Gebäude, das 1911 erbaut wurde, war komplett in Gelb und Weiß gehalten. Auf dem dunklen Dach des Bauwerkes zeigte eine Wetterfahne die aktuelle Windrichtung an. Hinter den hohen Schiebefenstern saßen tagsüber diverse Musiker und spielten für die Touristen ihre aktuellsten Stücke. Rings um den Pavillon luden mehrere Sitzbänke zum Verweilen und Lauschen ein.

 


Hedda, Enno und Hans saßen im Außenbereich einer Milchbude und schauten auf den Strand hinaus. Der Betreiber war bekannt für seine leckere Krabbensuppe, und sie warteten sehnsüchtig auf das Eintreffen von Jörg und Karsten, damit sie sich endlich eine Portion davon bestellen konnten.

 


»Lass uns mal dort in den Dünen nachschauen!«, schlug Hedda vor und zeigte auf die mit hohen Gräsern bewachsenen Sandberge, die sich in unmittelbarer Nähe befanden.
»Aber das Betreten der Dünen ist doch nicht erlaubt«, gab Enno zu bedenken.
Hedda schaute ihren Freund aus zusammengekniffenen Augen an. »Manchmal steckt noch zu viel Polizist in dir«, lachte sie und ging direkt auf die Sanddünen zu.